Kunstausstellung

Installation am See

Kunsthalle im Park

Werkausstellung Jan Philip Scheibe

Einführung zur Werkschau „Ein Schiff wird kommen…“ des Lichtkünstlers Jan Philp Scheibe
von Kristin Schrader, Kuratorin der Kestnergesellschaft Hannover

Wir beginnen unseren Rundgang durch Jan Philip Scheibes Ausstellung „Ein Schiff wird kommen“ hier auf dem Kulturgut Poggenhagen ganz konventionell: in einem so genannten White Cube. Das ist der Raum in dem wir stehen, ein Raum der mit seinen weißen Wänden typisch ist für die Präsentation von moderner wie zeitgenössischer Kunst, das wissen wir, wenn wir heute in Museen, Galerien, Kunstvereine und Kunsthallen gehen. Dieser weiße Kubus markiert alles, was sich in ihm befindet als Kunst.

Jan Philipp Scheibe sucht selten solche Räume auf, vielmehr oder viel öfter bewegt er sich mit seiner Kunst im Außenraum: in Landschaften, Städten, Parks. Aber eigentlich hinkt diese Einleitung etwas, denn auch der Raum, in dem wir uns befinden, ist nicht an eine Architektur und damit eine Institution angebunden: er steht frei, neben dem Gutshof, umgeben von Bäumen, nahe einem kleinen Weiher; ist selber schon Intervention.

Es begegnen uns Bilder oder genauer fünf Fotografien, die uns sofort wieder nach draußen führen: An Straßenränder, Küstestriche, Feldränder. Zu sehen sind jeweils Scheibes Lichtobjekte; mal zeichenhafte Symbole, oft Worte, die geradewegs zu Bezeichnungen der sie aufnehmenden Umgebungen werden.

Verklammert werden diese unterschiedlichen Formen durch das durchweg verwendete Material: Licht.

Wie in „Kerze“ oder „Rotkreuz“ können es vorgefundene Objekte sein, die deplaziert oder funktional umgestaltet werden und so neue Bedeutung erlangen. Andere Arbeiten zitieren formal Werbe- und Reklameschilder, die immer schon Aufmerksamkeit für sich beanspruchen; Lichtinstallationen, Neonschriftzüge wie wir sie von Werbungen her kennen, die aber tatsächlich auch seit den 1960er Jahren etwa ihre Heimat in der Kunst haben, als Werkstoff.

Scheibe arbeitet im Außenraum, setzt Bezüge zwischen seinen Arbeiten und spezifischen Begebenheiten – bezogen auf Orte, Plätze, Begebenheiten; gleichzeitig kommentiert, erweitert er Orte durch seine Objekte, Eingriffe.

Aufmerksamkeit, Attraktion für Nicht-Orte, normale Orte, die dadurch erst unsere Aufmerksamkeit erhalten, die in wortwörtlich anderem Licht erscheinen.

Sprache – Objekt / macht Umgebung immer wieder zum Bild, wobei die eigene Arbeit wie eine Bezeichnung fungiert und selbst Zeichen wird, Kunst
Sprache, Bezeichnung für unseren Umgang mit der Welt ungemein wichtig, genauso wie für das System der Kunst. In vielen Hinsichten lässt sich das Schaffen als konzeptuell ansehen, versteht man unter diesem Begriff eine Kunst, die bereits den Prozess der Werkfindung, des Nachdenkens als Teil derselben begreift. Die dem Gedanklichen eine wesentlichere Rolle beimisst als dem Visuellen, die danach fragt, was Kunst ist, was das Bildliche, Sprachliche, was Repräsentation ist. In den sehr klaren, präzisen Arbeiten steht das Verhältnis von Bild und Sprache ebenso zur Disposition wie die Frage nach der Produktion von Bedeutung durch und das Verstehen von Kunst.

Illuminationen wie wir sie von Kasinos und Kirmessen kennen: ein einziges Ringen um Aufmerksamkeit, Flirren, Überwältigungsstrategien;
Was die Kirmes und ihre Betreiber angeht, so sind diese traditionell nicht an einen Ort gebunden, anders als das Kasino etwa, sie sind ein fahrendes Volk, unterwegs von Ort zu Ort – ähnlich verhält es sich mit der Kunst von Jan Philip Scheibe; die an Orten auftaucht, wieder verschwindet, weiter zieht und mit jedem neuen Ort eine neue, andere Bedeutung erzeugt, je nachdem wo sie installiert, zur Anschauung gebracht wird

Aufmerksamkeit, Attraktion, Verführung, Eskapismus durch Freizeitvergnügen wie Kirmes – ähnlich kann immer auch Kunst funktionieren.

Durch die Benennung bringt er scheinbar ungesehene, alltägliche Orte und Landschaften in den Blick;

das ist nicht was wir immer versuchen: zu benennen, Inhalte abzustecken, zu deuten – vor allem auch in unserem Umgang mit Kunst.

Scheibe macht die Räume, die Orte zum Bild, lässt durch seine Benennungen Bedeutung und Aufmerksamkeit entstehen.

„Kerze“, Lichtintervention, Berlin-Moabit D 2006
Diese Bautoilette in Berlin-Moabit, verstrahlt mit zwei 500W-Strahlern versehen und durch die an eine Kerze erinnernde Form einen festlichen Glanz, der dem Geist der Weihnacht wohl näher ist als alle innerhauptstädtischen Weihnachtslichtinstallationen zusammen.

„Rotkreuz“, Lichtinterventionen, Worpswede D 2006
Die ausrangierte Außenleuchte des Roten Kreuzes Detmold wurde an verschiedenen Orten, die Blicke der Worpsweder Maler der ersten Generation aufnehmend, in und um Worpswede installiert.
Etwas ist Zeichen für etwas anderes.
Wie in Kerze arbeitet Scheibe mit vorgefundenem Material, hier ein zeichenhaftes, das für einen bestimmten Ort, eine Dienstleistung, aber auch Hilfe einsteht.
Etwas steht für etwas anderes ein – Zeichensysteme; die Kunst ist eines davon! Sinngehalt

„Watt“, 2006 auf Pellworm, Nordsee, „natürliche Landschaften zu „Handelsmarken“, modisch gesagt zu „Brands“ zu machen. Er weist der Weide mit einer Leuchtbuchstaben-Installation „Weiden“ ihr Logo, ihre „Corporate Identity“ zu. „Ich spiele damit mit den Instrumenten des Marktes“, sagt er, „und mache, durch die surreale Wirkung auf ökonomische Zusammenhänge aufmerksam.“ Das geschieht unaufgeregt, die Polemik, so es denn eine ist, ist hinter-, nicht vordergründig ausgeführt. Man bildet sich sein eigenes Urteil.“

Gleichsam Reflektion auf das Material – Licht, Strom; Watt ist die Einheit der Energie pro Zeit; gleichzeitig Küstenlandschaft.

Ein Bild einer Landschaft erhält hier seinen Titel; hier zeigt der Titel an, was vorzufinden ist, wenn das Meer zurückgeht, das heißt der Schriftzug verweist auch auf eine Zeitlichkeit auf einen Ablauf, spricht von etwas, das nicht unbedingt zu sehen ist.
Schrift in ihrer Gestaltung hier eher zurückhaltend, schnörkellos – ganz anders als in „abseite“.

„abseite“ 2009, Skulpturenpark Köln; Lauflichter;
Reflektion auf die Kunstwelt, ihre abgrenzten Räume, denen es nicht immer gelingt in den öffentlichen Raum sinnvoll hinein zu diffundieren wie die Diskussion um Kunst im öffentlichen Raum zeigt; oft als bloß fallengelassen, unkommentiert, wie eine Verlängerung des musealen Raums wahrgenommen, schafft sie es nicht wirklich Irritationen, Nachhaltigkeit zu erzeugen.

„abseite“ ist ein Denkmal für die Kunst als etwas, das kaum genutzt brachliegt. Mit guten Gründen platziert Jan Philip Scheibe (* 1972) seine Werbeleuchtschrift, wie man sie von Kirmesbuden her kennt, an der Peripherie des Skulpturenparks Köln. Dadurch gewinnt die Reklameleuchte an Publikum, denn die blinkende Schautafel wirkt nach außen auf die mit ihren eigenen Gedanken beschäftigten Passanten der angrenzenden Verkehrsader. Auch die Spaziergänger, die vom Zoo her kommen, machen sich einen Reim auf das einladende wie widersprüchliche Kunstwerk. Welche Geschichten werden da erzählt zu abseite und zur Kunst? Jan Philip Scheibe erscheint als ein Ergänzer, der auf die Wechselbezüge allen Tuns vertraut. Mit seinem gezielt eingesetzten Lichtobjekt zitiert er eine Festkultur, die wie die Kunst in einer abgegrenzten Umgebung stattfindet. Die Dinge, seien sie auch klein und zunächst als unwichtig eingeschätzt, wirken jeweils in ihren qualitativen Bedeutungen, sie bedingen einander. Scheibes Kunst zielt augenzwinkernd auf die Neusortierung der bedeutsamen Zuschreibungen. Ohne die Mitverantwortung des Publikums wird das nicht gehen.

„Waldbaustelle“ 2009 – eine Arbeit, die an diesem Ort schon einmal zu sehen war, während der Ausstellung „7x100m“, 2007 Kulturgut Poggenhagen – einige von Ihnen erinnern sich vielleicht – ein Baustellenzaun, aufgestellt in einem Wald, markiert das eingegrenzte Stück Landschaft als besonders, hebt es hervor, provoziert und fordert damit unseren Blick heraus. Was aber passiert innerhalb dieser Kadrierung? Wird hier tatsächlich ein Bauvorhaben umgesetzt? Ist schon mal der Ort, die Fläche eingezäunt, bevor es mit den Arbeiten losgeht? Warten wir demnach darauf, dass es losgeht? Scheibe schafft mit der Kurzschließung zweier uns vollkommen bekannter Bilder unserer lebensnahen Umgebung ein irritierendes Bild, das uns zum Sehen und Überlegen herausfordert, zum genauen beobachten und dazu weiterzudenken, was an einem Ort geschehen könnte.

Es sind unterschiedliche sprachliche und zeichenhafte Ausdrucksformen, die die Orte, an denen sie sich befinden, aber auch den Umstand, dass sie Teil einer Ausstellung sind, kommentieren, einfärben.
Nomen, Adjektive, allgemeinverständliche Symbole wie ein Herz.

Scheibe interessiert sich für Orte: Unorte wie hier die urbar gemacht werden; Lebensqualität, Freizeit, Faulheit, Nichtstun außer seinen Gedanken nachzuhängen, Wünschen, Sehnsüchten.

„Unverzagt“, 2006
„Ruhelos“, 2010
„Die Felder“, 2003 – 2007
„Wälder“, 2004
„Moor“ 2006, gehört mit „Wälder“ in die Serie „Brand Nature“
„Herz“, 2009

„Einkorn“ – vielleicht werden Sie hier aber auch auf sprachliche Lichtinstallationen stoßen, deren Begriff, Wort Ihnen unbekannt ist, bei den der Ort des Gutshofes und die Positionierung der Arbeit innerhalb seiner funktionalen Architektur Ihnen auf die Sprünge hilft.

„Einschlag“, 2009 – Performative/ Aufführungshafte wie in „Einschlag“, einer Ausstellung, in der Scheibe auf dem Dach der Temporären Kunsthalle von Lelkendorf – einem kleinen Ort in – eine Leuchtobjekt in Form eines Blitzes montiert. Inszenierung, Publikum wohnt einer Darstellung bei; erneut Reflektion auf Kunstraum.

Im September 2009 feierte Lelkendorf den Abschluss des Kunstprojektes. Der Hamburger Künstler Jan Philip Scheibe hatte eigens dafür eine Installation entwickelt, die auf humorvolle Weise das Ende des Projektes thematisierte. Mit einer sechs Meter hohen Blitzkonstruktion auf dem Dach der Temporären Kunsthalle wuchs das kleine Pförtnerhäusschen noch einmal über sich hinaus. Am Nachmittag erinnerte die kleinste Kunsthalle der Welt mit ihrer imposanten Lampenkonstruktion an einen Rummelplatz. In der Dämmerung schlug der Blitz in das Haus ein. Die entsetzte Bevölkerung war fassungslos. Die Sirene des Dorfes gab Feueralarm, die Freiwillige Feuerwehr rückte aus und sperrte das Gebäude großräumig ab und rette schließlich den Künstler aus der Kunsthalle.

“Ein Schiff wird kommen”, 2010 – das ist der Titel der Ausstellung.

Die Treppe vom Gutshaus führte ins Nichts, bedeutete, dort müsse etwas sein – die gegebene Situation evoziert etwas, eine Erwartung, die die neue Arbeit von Scheibe nun erfüllt.

Welches Schiff also wird kommen? Erzählt von Zukünftigem, unserer Vorstellung, von der Sehnsucht wegzufahren, einen Ort zu verlassen; die immer die Möglichkeit bereithalten, tatsächlich aufzubrechen.

Es geht Scheibe um Zwischen-Orte, Ränder, Schwellen, Übergänge von einer Situation, Atmosphäre zur nächsten.

Gleichzeitig hat diese neue Arbeit die Qualität, birgt die Möglichkeit sich in ihrer Umgebung aufzulösen, in sie einzugehen, relationale Ästhetik, viel bemüht aber tatsächlich hier ein Ort, an dem Menschen sich treffen können, allein oder miteinander Zeit verbringen; Scheibe schafft mit seiner Arbeit, was man das “blurring of art and life” nennt, das Ineinanderfließen von Kunst und Leben wie die Avantgarden des letzten Jahrhunderts es immer gewollt, propagiert haben.

Ein Schiff wird kommen ist eine Erweiterung seines Schaffens, hier baut er mit anderen eine dem Ort nicht fremde, angepasste Architektur.

Kunst und Leben verschmelzen, wie es die Avantgarden immer gefordert haben; fast unkenntlich könnte der künstlerische Eingriff von Jan Philip Scheibe daher sein, wäre da nicht der Schriftzug “Ein Schiff wird kommen” samt einer Informationstafel. Selbstredend, ersichtlich befinden wir uns nicht in einem großen Hafen oder an einem Anlegerplatz mit viel Verkehr. Im Gegenteil, hier am Weiher ist es extrem ruhig, geradezu idyllisch.

Funktion, Versprechen wird in einer lustvollen Art und Weise ad absurdum geführt.

Jan Philip Scheibe hat schon einmal einen Ort sozusagen zur Aufführung gebracht, vielmehr noch als sich als Künstler selbst aufgeführt.

Das spricht vom Spaßhaften, Humorvollen in seiner Arbeit, das man auch hier antreffen kann. Daneben aber werden andere Aspekte, Punkte angespielt.

Sehnsucht ist auch das Thema der Veranstaltungen in diesem Sommer auf dem KulturGut Poggenhagen. Während der nächsten drei Monate ist der Steg titelgebender Teil der Ausstellung, er kann aber ganz real immer wieder zum Ort einer Sehnsucht werden.

Sie sind jetzt eingeladen den Ort und die Kunst, die ihn bespielt, weiter zu entdecken, die Schönheit wie auch seine Spezifik als Gutshof immer wieder in verbindung, im Zusammenschluss mit der Kunst zu sehen. Sie, die Kunst, die dies betont, unterstreicht, herausfordert, in ein anderes Licht setzt.

Krtisin Schrader, Kuratorin der Kestnergesellschaft Hannover